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 Giovanni di Lorenzo auf dem Jahresempfang der Kirchenkreise Hittfeld und Winsen

Kirchenkreis Hittfeld
 
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Toleranz, Fairness und Nachhaltigkeit: Giovanni di Lorenzo spricht über Werte seiner Generation auf dem Jahresempfang der Kirchenkreise Hittfeld und Winsen

Das Lob der etwa 180 Gäste des Jahresempfangs der Kirchenkreise Hittfeld und Winsen war überschwänglich: Als „mutig“, „anspruchsvoll“, „überzeugend“, „mitreißend“ oder „bewegend“ haben die Gäste aus Kirche und Gesellschaft den Vortrag des Chefredakteurs der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, am Aschermittwoch empfunden. Im vollbesetzten Hittfelder „ric“ erlebten die Gäste einen nachdenklichen, engagierten und gläubigen Giovanni di Lorenzo, der die Zuhörer mit seinem Vortrag fesselte: So seien Toleranz, Fairness und Nachhaltigkeit wichtige Werte „seiner“ Generation. In der anschließenden Diskussion bezog der 50-Jährige Stellung zur aktuellen Hartz-IV-Debatte und empfahl der Evangelischen Kirche mehr „Spiritualität“ und weniger „Profanität“. Die Gäste des Jahresempfangs diskutierten danach angeregt und intensiv über die sehr klaren Positionen des Journalisten.

Giovanni di Lorenzo gehört zu den wichtigsten deutschen Journalisten, ist Chefredakteur der ZEIT, Mitherausgeber des Berliner „Tagesspiegels“ und Moderator der Talk-Show „III nach neun“. Superintendent Dirk Jäger freute sich, dass der Kirchenkreis Hittfeld ihn für diesen Abend gewinnen konnte: „Werte, wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit oder Stärkung der Zivilgesellschaft stehen als Jahresthema 2010 im besonderen Focus unserer Arbeit. Und es ist deutlich, dass wir von den Menschen als Ratgeber in ethischen Fragen stärker in Anspruch genommen werden als früher“, so Dirk Jäger. Was den Wertekonsens betrifft, seien Christen die Nachfolger Jesu Christi: das Vorbild und Beispiel seines Wirkens ist das Maß der Dinge für Christen, so Jäger. Er wies daraufhin, dass die beiden Kirchenkreise einiges an vielfältiger, einladender und ansprechender Kommunikation des Evangeliums anbieten: Mit stimmigen Formen der Gottesdienste, der Partizipation am kirchlichen Leben und der Transparenz von Entscheidungsprozessen. „Und es hat mit Glaubensüberzeugung und dem christlichen Menschenbild zu tun, wenn wir als Kirche unser politisches Wächteramt ausüben und etwa mit klaren Worten einem immer wieder aufflackernden Rechtsextremismus entgegen treten“, so Jäger in seiner Begrüßungsrede.

Giovanni di Lorenzo bezieht seine Zuversicht aus seinem Glauben heraus, so gehöre das Gebet vor dem Essen für den bekennenden Katholik zu einem der schönsten Momente des Tages. Auch er erkenne ein steigendes Interesse der Menschen an ethischen, philosophischen Fragen und die Sehnsucht nach Orientierung. „Ist meine Generation der 40- bis 50-Jährigen eine Generation ohne Tiefe, die nur an der eigenen Karriere interessiert, selbstbezogen und oberflächlich ist“, fragte di Lorenzo. Er zitierte den Historiker und Publizist Joachim Fest, der einen Werteverlust, den Rückzug ins Private und der moralischen Resignation erkannte. Und die nachfolgende Generation zeige sich oft als eine „Jugend ohne Charakter“, fleißig aber widerspruchslos, bemängelte di Lorenzo.

Di Lorenzo forderte ein Eintreten für Werte und ein kritisches Denken: Da Werte stets auch Antworten auf Missstände sind, setzte er dem grassierenden Wachstumswahn den Wert „Nachhaltigkeit“ gegenüber: Die natürlichen Ressourcen wie Wasser und Öl seien nicht unendlich vorhanden, der Handlungsdruck angesichts des Klimawandels größer als je zuvor. „Nachhaltigkeit“, also nur so viel an Ressourcen zu verbrauchen, wie auch „nachwächst“, sei mittlerweile in jedem Parteiprogramm zu finden und drohe zum „Allerwelt-Wort“ zu werden. „Doch mit gedankenlosem Wachstum und Konsum besteht das Risiko, dass die Menschen der Mut verlässt, etwas zu verändern“, so di Lorenzo.

Als zweiten Wert forderte di Lorenzo „Fairness“ ein, eine Chancengerechtigkeit für alle. Die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft bräuchten eine Lobby, gleichwohl warnte er, dass das soziale Netz nicht unerschöpflich sei und Milliarden kostete. „Toleranz“ sei für ihn der dritte wichtige Wert, den es zu vermitteln gilt, und zwar von jedem Einzelnen. Deutschland ist ein Einwanderungsland und eine Integration sei nur dann erfolgreich, wenn Toleranz gegenüber Fremden mit gewissen Forderungen verbunden sei. So gebe es Postulate für Menschen, die in Deutschland leben wollen: Die Anerkennung der Gleichberechtigung von Mann und Frau, der allgemeinen Schulpflicht, der Trennung von Kirche und Staat und die Beherrschung der deutschen Sprache.

In der anschließenden Diskussion wurde di Lorenzo gefragt, wie Fairness zur aktuellen von FDP-Chef Guido Westerwelle angeführten Hartz-IV-Diskussion passe. Der Chefredakteur sagte, er sei stets vorsichtig, wenn alle sich einig sind, dass einer der Böse ist. Sicher sei der Ton Westerwelles unangemessen, dennoch muss nach Mechanismen gesucht werden, dass Hartz-IV-Empfänger aus eigener Kraft wieder Arbeit finden. Die Diskussion, ob und von wem die Grundsicherung missbraucht werde, darf nicht tabuisiert werden und müsse in aller Ernsthaftigkeit geführt werden. Und: Politiker sollten eine Kultur der Zumutung führen, die Menschen würden mehr Wahrheiten vertragen, als Politiker glauben.

Di Lorenzo warb für ein kritisches Kirchenverständnis, aber in jedem Fall in einer Mitgliedschaft. Unter großem Beifall sagte er: „Kirchenaustritt komme für ihn nicht in Frage.“ Von der Evangelischen Kirche wünsche er sich mehr Spiritualität, er verstehe das Bemühen, die Menschen für Kirche zu öffnen, aber darin sehe er einen Hang zur Profanisierung.

„Deutliche Worte, eine phantastische Rede. Die Werte Toleranz, Fairness und Nachhaltigkeit sind die Werte, die wir in Deutschland und auch weltweit brauchen“, sagte Landrat Joachim Bordt. „Eine sehr differenzierte Rede. Mir gefiel sein Ansatz, dass wir Mechanismen brauchen, damit Arbeitslose wieder Arbeit finden und sich nicht in Hartz-IV einrichten“, sagte Dr. Maria Anna Deters, Chef-Ärztin im Ginsterhof. „Sehr interessanter Vortrag, authentisch und ehrlich. Mir gefiel, dass er vorsichtig ist, wenn alle einen als den Bösen ausgeguckt haben, so wie in der Diskussion um Westerwelle“, sagt Propst Johannes Bollmann. „Ich fand seinen Appell an die Politik gut, eine Kultur der Zumutung zu führen“, sagt CDU-Ortsrätin Antje Schulthoff. Über seinen Werte-Vortrag, seine auf den Punkt genauen Antworten in der Diskussion, sein Eintreten für eine ernsthafte, aber offene Hartz-IV-Diskussion haben die Teilnehmer des Jahresempfangs noch angeregt und intensiv im „ric“ diskutiert.



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